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Rotkehlchen

Es war zu der Zeit, da unser Herr die Welt erschuf – gegen Abend kam es ihm in den Sinn, einen kleinen Vogel zu erschaffen. „Merke dir, dass dein Name Rotkehlchen ist!“, sagte unser Herr zu dem Vogel, als er fertig war – und ließ ihn fliegen. – Da flog der Vogel zu unserem Herrn zurück. „Warum soll ich Rotkehlchen heißen, wenn ich doch ganz grau bin?“, fragte er. Der Herr lächelte nur still und sagte: „Ich habe dich Rotkehlchen genannt, aber du musst selbst zusehen, dass du dir deine roten Brustfedern verdienst.“
Eine unendliche Menge von Jahren war seit diesem Tag vergangen. Da brach ein neuer Tag an, der auch in der Geschichte dieser Erde lange nicht vergessen werden sollte.
Am Morgen dieses Tages saß ein Rotkehlchen auf einem kleinen Hügel vor den Mauern Jerusalems. Es erzählte gerade seinen Jungen vom Schöpfungstage und von der Namensgebung. „Seht nun“, so schloss es betrübt, „so viele Jahre sind seither verflossen, so viele Rosen haben geblüht, so viele junge Vögel sind aus ihren Eiern gekrochen, aber das Rotkehlchen ist immer noch ein kleiner grauer Vogel.“
Die Jungen rissen ihre Schnäbel weit auf und fragten, ob ihre Vorfahren nicht versucht hätten, irgend eine Großtat zu vollbringen, um die unschätzbar rote Farbe zu erringen. „Wir haben alle getan, was wir konnten“, sagte der kleine Vogel, „aber was wir auch taten, es ist uns allen misslungen.

Zunächst hofften wir auf den Gesang. Schon das erste Rotkehlchen, dachte, die Sangesglut werde seine Brustfedern rot färben. Aber es täuschte sich.
Dann hofften wir auf unsere Tapferkeit, schon das erste Rotkehlchen kämpfte tapfer mit den anderen Vögeln. Es dachte, seine Brustfedern werden sich rot färben vor Kampfeslust. Aber es scheiterte.“

Der Vogel hielt mitten im Satz inne, denn aus einem Tore Jerusalems kam eine Menschenmenge gezogen. Nein es ist entsetzlich“, rief er seinen Jungen zu. „Ich will nicht, dass ihr diesen Anblick seht – da sind drei Missetäter, die gekreuzigt werden sollen.“ Das Rotkehlchen konnte die Blicke nicht von den drei Unglücklichen wenden. „Wie grausam die Menschen sind!“, sagte der Vogel nach einem Weilchen. „Auf den Kopf des einen haben sie eine Krone aus stechenden Dornen befestigt.“ Er sah, wie das Blut auf die Stirn des Mannes tropfte, da vermochte er nicht mehr still in seinem Nest zu bleiben. – Wenn ich auch nur klein und schwach bin, so muss ich doch etwas für diesen armen gequälten tun können“, dachte der Vogel, verließ sein Nest und flog hinaus in die Luft. –
Allmählich fasste er Mut, flog ganz nahe hinzu und zog mit seinem Schnabel einen Dorn, der in die Stirn des Gekreuzigten gedrungen war heraus. Während er das tat, fiel ein Tropfen Blut auf seine Kehle, verbreitete sich dort rasch und färbte alle seine zarten Brustfedern ein.

Als der Vogel wieder in sein Nest kam, riefen ihm seine kleinen Jungen zu: „Deine Brust ist roter als Rosen!“ „Es ist nur ein Blutstropfen von der Stirn des armen Mannes“, sagte der Vogel. „Der verschwindet, sobald ich in einem Bach bade.“
Aber so viel er auch badete, die rote Farbe verschwand nicht von seiner Kehle, und als seine Kleinen herangewachsen waren, leuchtete die blutrote Farbe auch an ihren Brustfedern, wie sie auf jedes Rotkehlchens Brust und Kehle leuchtet, bis auf den heutigen Tag.

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